Holzkiste im Crashtest

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Nachdem ich hier im Forum öfters den Extra-Nutzen der "gefühlten Sicherheit" der neuesten Generation von Long-John-Rädern mit EPP-Kiste, extra-Schutz-Reling und hoher Schulterlinie leicht in Zweifel gezogen habe, meinte das Karma wohl, es sein nun an der Zeit selbst zu beweisen dass die klassische Holzkiste in einem typischen Crash sicher genug ist. Tatkräftig unterstützt hat mich dabei der schlechte Zustand von so manch einem Radweg hier.

Also, was war passiert? Ich war gestern mit den beiden Großen (die deutlich über den Kistenrand hinausragen) mit dem KR8 unterwegs, mit Verdeck weil es regnete. An einer Stelle wo man von der Straße kommend beim Rechtsabbiegen auf den benutzungspflichtigen Hochbord-Radweg rauf muss stand ein Behelfsschild (Impfzentrum-Hinweis für die Autofahrer) ungünstig halb auf dem Radweg, so dass ich die halbherzig abgesenkte Bordsteinkante im schlechten Winkel und ein wenig weiter in der Kurve ansteuern musste. Und da genau da noch eine Regenrinne am Straßenrand war und die Kante auch schon wieder anstieg, schaffte es das Vorderrad nicht hoch, und wie beim Steckenbleiben in Straßenbahnschienen lag das Rad schlagarting auf der Seite und schrammte noch ein Stück über den Boden. Herzlichen Dank an die Luxus-Fahrradinfrastruktur!

Ergebnis: Beide Kinder hingen unverletzt in den Gurten. Der mittlere, der rechts saß und damit nach dem Sturz unten lag mit der Großen halb auf ihm drauf, sagte ihm tue die Seite ein wenig weh, aber es war absolut nix zu sehen und kurz darauf, als der Schreck verflogen war, auch nix mehr zu spüren. Mir tun dagegen heute noch Hüfte Knie und Ellenbogen weh, und eine Abschürfung habe ich auch am Ellenbogen, der Sturz hat also schon durchaus eine gewisse Wucht.
Am Rad sind entlang der Kistenseite und an den Kanten ein paar Schrammen, auch das Verdeck sieht ein bisschen mitgenommen aus, aber nix was die Funktion beeinträchtigt oder wirklich auffällt. Das Holz der Kiste ist nicht gesplittert oder sonstwie strukturell beschädigt. Austauschen oder reparieren muss ich auch nix

Der Unfall fand mit ca. 10-15 km/h statt (kein Tacho am muskelbetriebenen Rad), und stellt wohl eines der drastischeren Szenarien dar für einen Unfall der ohne Kfz-Einfluss passieren kann. Gleichzeitig ist dieser Sturz auf die Seite wahrscheinlich auch eine der wenigen Unfallsituationen wo ein Lastenrad passive Sicherheit bereit stellen könnte.
Und was soll ich sagen, da hat die passive Sicherheit der Holzkiste diesmal absolut ausgereicht. Einzige Vorraussetzung für den glimpflichen Verlauf war dass keine Arme draußen baumelten, aber das habe ich meinen Kindern auch beigebracht, und das Verdeck sorgt auch dafür.

So, jetzt haben wir hier einen "real life crash test" mit einem Rad der "alten Generation" mit niedriger Holzkiste und einfachen 3-Punkt-Gurten, und es hat ihn gut bestanden. Kinderschutz mindestens gut, Fahrerschutz genauso schlecht wie bei jedem anderen Rad. Was hätte geholfen? Bessere Infrastruktur, damit so ein dummer Unfall erst gar nicht passiert.
 
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Aua, gute Heilung. Und jetzt das ganze mal mit so ner Plastekiste, die kann danach in den gelben Sack.
Danke für die Heilungswünsche, ist nicht wirklich schlimm, aber lästig. Kann gerade besser Fahrrad fahren als Treppen steigen ;)


Ich frage mich auch ob nach so einem Sturz nicht eventuell die EPP-Box Schrott ist, mit groben Ausrissen in der Seite (hatten wir ja hier im Forum schon nach Kontakt von einem Cago mit einem Baum) und eventuell Rissen und Brüchen, und dann steht ein teurer Austausch an. Fahrradhelme aus dem gleichen Material sollen ja auch nach einem Sturz ausgetauscht werden.
 
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Wie ich das hasse, die ganzen schlecht abgesenkten, dafür extra rutschigen Randstein-Rigol-Kombinationen mit zusätzlich noch herumstehenden Dingen...
Ich hab mir aufgrund einer solchen Situation, wo ich täglich drüber muss, ein Rücklicht mit Bremslichtfunktion beim Verzögern zugelegt, weil zusätzlich dann immer noch die drängelnden Autos hinten auffahren, wenn ich entsprechend ausholen UND bremsen muss um da drüber zu kommen. Bilde mir ein es bewirkt etwas mehr Abstand.

Gute Besserung, gut dass den Kindern nix passiert ist.
 
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Was hätte geholfen? Bessere Infrastruktur, damit so ein dummer Unfall erst gar nicht passiert.
Bei solch einer Geschichte hätte ich keine Probleme, die Rennleitung anzurufen.

Das eine ist, das man selber aufpassen und angemessen fahren muss. Das andere ist, dass solche Dinge wie Hinweisschilder nichts auf dem Radweg zu suchen haben.

Man muss als Radfahrer auch gelegentlich mal so für eine bessere Infrastruktur sorgen.

Kann gerade besser Fahrrad fahren als Treppen steigen ;)
Mit dem Fahrrad kann man zumindest Treppen runter fahren. ;)

Gut, dass es so glimpflich ausgegangen ist.
 
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Gute Besserung!
Wenn ich mir die Boxen zum Kindertransport ansehen, denke ich immer die Seiten sollten evtl. so hoch gezogen werden, das der Kopf nicht raus fällt/kippt...also nicht komplett, eher so wie im Autokindersitz/Sportsitz.
Ist wegen Lenker halt nicht so gut, aber wenn die Kiste breiter ist als der Lenker sollte es auch gehen.
 
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Den Kopf haben die Kinder reflexmäßig oben gehalten, war gar kein Problem. Helme hatten sie auch nicht auf.
 
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Das eine EPP-Box bei einem solchen Sturz kaputt geht, kann ich mir gut vorstellen. Und das Sperrholz, egal, ob Kistensperrholz ("Spruce"), Multiplex, Siebdruck oder FilmFilm-Platten nicht "platzen" ist auch kein Geheimnis. Da braucht es schon andere Kräfte. Und dann wären sowohl Du, als auch Deine Blagen schwer verletzt. Aber bei einem Selbstunfall reichen die Kräfte meiner Meinung nach nicht aus, da zekratzen die Oberflächen und es könnte sein, dass sich an den Kanten Splitter bilden...

...aber das hatten wir alles hier schon:

Und ich schließe mich meinen Vorrednern an: Gute Besserung :)
 
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Und das Sperrholz, egal, ob Kistensperrholz ("Spruce"), Multiplex, Siebdruck oder FilmFilm-Platten nicht "platzen" ist auch kein Geheimnis. Da braucht es schon andere Kräfte. Und dann wären sowohl Du, als auch Deine Blagen schwer verletzt.
Genau deswegen nervt es mich wenn manche Leute immer wieder von "splitternden Holzkisten" reden im Vergleich zu den "sicheren EPP-Boxen", wie neulich hier der Anpasser mit Cago-Verbindung.

Eigentlich sind jetzt mal die mit Sicherheit werbenden EPP-Kisten-Hersteller dran mit Crash Tests, für die Holzkisten habe ich ja schon den Crash Test geliefert. Kein Protzen mehr mit "safety pro Tech" und "das besonders sichere Lastenrad" bevor nicht echte Ergebnisse vorliegen ;)
 
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Wobei für eine klare Diskussion eben die Art der Chrashs auch eine Rolle spielt.

Ich nehme an, dass splitternde Holzkisten ein zusätzliches Sicherheitsrisiko bei bösen Chrashs sein können, wie auch ausgerissene Speichen, Fiberglasstangen des Verdecks usw. usf. Das sind allerdings Unfallzustände, wo Autos oder LKWs über die Fahrräder drüber fahren. Da sind die nicht splitternden EPP-Kisten zwar sicher eine kleine Erleichterung aber vermutlich auch nicht mehr die Gamechanger bei den Unfallfolgen.
In all den Eigenunfallgeschichten, leichten Anremplern usw. halte ich eine stabilde, nicht bröselnde Kiste für erheblich sicherer.
Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass durch EPP-Boxen relevante Knautschzonen entstehen. Da brauchts eher das Smart-Prinzip: So hart wie möglich um den Überlebensraum aufrecht zu halten und die Knautschzone des Gegners zu beanspruchen.
 
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Hier noch ein paar Fotos von den Schrammen am Rad und Verdeck, insgesamt alles nicht viel:
20210526_134600.jpg
20210526_134606.jpg20210526_134612.jpg

Am eindrucksvollsten ist vielleicht noch wie stark es den kleinen Alu-Haken vom Verdeck abgeschrammt hat, da ist ein mm Material abgetragen worden:
20210526_134623.jpg
Also an der Stelle sollte besser kein Kinderfinger sein, Pfoten in die Kiste ist Sicherheitsprinzip. Da kann eine hohe Schulterlinie bei helfen, aber man kann es den Kindern auch beibringen.
 
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Das sieht wirklich beeindruckend aus an dem Haken.

Aber das sind eigentlich alles nur optische Schäden, oder kann sich der Rahmen auch verziehen durch so einen Unfall/Umfall?
 
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Hast du Fotos vom Unfallort gemacht und mal darüber nachgedacht, Anzeige sowie ein Verfahren wg. Schmerzensgeldforderung/Schadenersatz einzuleiten? Unfallursächlich könnte hier das besagte Schild gewesen sein ("Behinderung und Gefährdung"), womit u.U. der Aufsteller in der Haftung ist. Evtl. auch die zuständige Behörde (gefährliche Infrastruktur) bzw. die jeweiligen Behördenmitarbeiter.

Würde ich vielleicht schon aus Prinzip machen, sowas erzeugt durchaus Lerneffekte bei den Verantwortlichen. Hat mich mal einer unserer aktiveren Lokalpolitiker drauf hingewiesen - Verwaltung versteht v.a. Recht. Und Unternehmen verstehen v.a. Geld.
 
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Das sind alles optische Schäden, der Rahmen vom Fahrrad ist nur ein dickes Rohr in der Mitte, da verzieht sich nichts bei solchen Unfällen. Die Rohre von der Kiste könnten sich theoretisch verbiegen, aber da bräuchte es auch schon andere Kräfte
 
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Hast du Fotos vom Unfallort gemacht und mal darüber nachgedacht, Anzeige sowie ein Verfahren wg. Schmerzensgeldforderung/Schadenersatz einzuleiten? Unfallursächlich könnte hier das besagte Schild gewesen sein ("Behinderung und Gefährdung"), womit u.U. der Aufsteller in der Haftung ist. Evtl. auch die zuständige Behörde (gefährliche Infrastruktur) bzw. die jeweiligen Behördenmitarbeiter.

Würde ich vielleicht schon aus Prinzip machen, sowas erzeugt durchaus Lerneffekte bei den Verantwortlichen. Hat mich mal einer unserer aktiveren Lokalpolitiker drauf hingewiesen - Verwaltung versteht v.a. Recht. Und Unternehmen verstehen v.a. Geld.
Fotos vom Unfallort habe ich erst gemacht nachdem ich das Schild einen Meter zurück gezogen hatte, damit niemand anderes das gleiche Schicksal erteilt...
Die Fotos dienten eher dazu meiner Frau zu erklären warum ich mich mit den Kindern im Rad lang gelegt habe, bevor noch Zweifel an meinen Transportentscheidungen aufkommen.
Mit der Lokalpolitik haben wir verschiedenste Baustellen, da sind wir dran, aber es ist viel Arbeit und geht langsam. Die Fuzzis von der Straßenmeisterei könnten auch mal eine Schulung gebrauchen, das ist nicht das erste mal dass die ein Schild selten dämlich hinstellen, aber ich werde versuchen dass ich da auf dem kleineren Dienstweg sensibilisiere.
 
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Mich hat es diesen Winter drei mal in Kurven auf frischem Asphalt hingelegt, außer dem Knie war nie was. Hände am Lenker lassen, Füße auf den Pedalen und kommen lassen ... Der Bullitt Rahmen schützt den Fahrer schon sehr gut, verziehen tut sich da nichts.
Das ist ein sehr guter Tipp, Hände und Füße da zu lassen, wo sie sind. Reflexhaft würde ich vermutlich wohl eher versuchen, das strüzende Rad und mich irgendwie abzufangen - vermutlich keine schlaue Idee.
 
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