Bevor ich zum familiären Kontext komme, eine Bemerkung zum gesellschaftlichen Kontext: Von Politikern hört man öfters, ein Lastenrad auf dem Land sei völlig nutzlos. Da muss ich als Landmensch deutlich widersprechen! Es gibt wohl kaum einen Land-spezifischeren Anwendungsfall, als in der 8 km entfernten Genossenschaft zwei Säcke Hühnerfutter je 25 kg zu holen. Überhaupt kein Problem mit unserem Lasten-Tandem Hase-Pino (s. Foto von heute). Zwei Wasserkisten aus dem 3 km entfernten Einkaufsmarkt sind ebenso wenig ein Problem wie der Inhalt von zwei Einkaufswagen ebendort. Dank der Tandem-Eigenschaft ist es auch kein Problem, die älteste Tochter, die inzwischen in der Großstadt wohnt und kein Auto besitzt, an der 2,5 km entfernten Bushaltestelle abzuholen.
Spätestens jetzt sind wir beim familiären Kontext angekommen. Meine Frau und ich, sowie unsere beiden Töchter fahren Fahrrad, wann immer es geht. Die beiden Töchter sind am konsequentesten. Gut, die ältere hat kein Auto und wohnt auswärts, da ist das gezwungenermaßen so. Die jüngere ist 14, wohnt bei uns auf dem Land und macht das aus Überzeugung. Meine Frau und ich pendeln auch abwechselnd mit dem Rad zur Arbeit (sie 9 km, ich 27 km). Zu diesem Zweck nutzen wir ein S-Pedelec für 45 km/h. Zumindest wenn es nicht regnet, ist es eher die Frage, wer das Rad nehmen darf und nicht, wer es muss. Besorgungsfahrten und Urlaubsfahrten machen wir mit dem Lasten-Tandem (+ ein Biobike-Reiserad). Fahrten bei uns im Tal bei Tageslicht bewältigen wir auch konsequent mit dem Rad. Ausnahme ist nur unser Sohn, der deutlich lieber Auto fährt als Fahrrad. Trotz unserer Freude und Häufigkeit am Radfahren, die uns fünf ca. 25.000 km jährliche Fahrleistung mit unseren insgesamt 11 Fahrrädern beschert, bringen es unsere beiden PKW (einer davon voll-elektrisch und somit ein schweres "Ungetüm" ) zusammen auf jährlich ca. 35.000 km Fahrleistung. Und das, obwohl wir Autofahrten so gut es geht zu Fahrgemeinschaften bündeln. Schlussfolgerung für mich: Auf dem Land ist der Mobilitätsbedarf sehr hoch und ganz ohne PKW ist es schwierig. Trotzdem kann man viel mehr mit dem Rad bewältigen (und vor allem mit dem Lastenrad), als die meisten Leute denken. Es ist für mich frustrierend, wenn ich mein Rad vor dem Einkaufsmarkt abschließe und max. ein weiteres Rad dasteht, während 40 Autos auf dem Parkplatz stehen - und das überwiegend von Leuten, für die der Markt erheblich kürzer entfernt ist als für mich. Andererseits erschreckend, wie viele Kilometer doch noch bei den Autos landen trotz aller guten Vorsätze und Freude am Radfahren.