Erfahrungsbericht(e) Cangoo Groovy

Dieses Thema im Forum "Lastentransport (3-Rad)" wurde erstellt von Koppenen, 10.01.2019.

  1. Koppenen

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    Cangoo Groovy, Longtail-Eigenbau (under construction...)
    Seit kurzem ist bei uns ein Billig-E-Bakfiets vom Typ Cangoo Groovy im Einsatz, das für den Transport von 3 Kindern plus etwas Gepäck zu zwei verschiedenen Kindergärten und für Einkäufe dienen soll. Keine Einzelstrecke ist länger als 2 km, insgesamt kommen pro Tag nicht mehr als 5-6 km zusammen. Wir haben zwar auch Autos, für solche Kurzstrecken sind Autos mit Verbrennungsmotor aber denkbar ungeeignet. In diesem Thread werde ich mal meine Erfahrungen kundtun, vielleicht sind für andere Besitzer oder Kaufinteressenten ein paar nützlich Infos dabei.

    Der von uns aus nächstgelegene Händler mit E-Bakfietsen liegt 30 Autominuten entfernt in den Niederlanden. Er hat sich eigentlich auf die nachträgliche Elektrifizierung von Rädern jeder Art spezialisiert und arbeitet nebenher gebrauchte Bakfietsen auf, elektrifiziert sie und verkauft sie wieder, hat aber auch ein Modell ab Werk neu im Angebot, eben das besagte Cangoo Groovy. Und das sieht so aus:

    Cangoo_Groovy.jpg

    Eine Probefahrt und dazu eine zum Vergleich mit einem gebrauchten Babboe Curve-E hat uns soweit überzeugt, dass wir zugeschlagen haben. Es war fahrstabiler als das Babboe und lag insgesamt irgenwie „satter“ auf der Straße. Motor und Antrieb sind gut aufeinander abgestimmt, der Motor ist kräftig und die Verarbeitung von Rahmen und Aufbau erschien mir ganz brauchbar. Der Preis kommt aber nicht von ungefähr, das muss einem beim Kauf natürlich bewusst sein, vor allem bei Schaltung und Bremsen.

    Die verbaute Schaltung ist vermutlich die billigste von Shimano die es gibt, eine 6-Gang Tourney-Kettenschaltung. Immerhin ist die Übersetzung im Zusammenspiel mit dem E-Motor sehr sinnvoll gewählt. Im ersten kommt man mit voller E-Unterstützung jegliche Steigung hier in der Umgebung hoch und der 6. reicht bis ungefähr 30 km/h mit einer für die Sitzposition noch brauchbaren Trittfrequenz. In dem Bereich unterstützt der Motor eh nicht mehr und schneller sollte man mit dem Ding aus Sicherheitsgründen nicht fahren, da es konzeptbedingt bei höherem Tempo und zügigem Lenken umkippt. Ist mir zum Glück noch nicht passiert, ich war aber zu Beginn zweimal unfreiwillig auf 2 Rädern unterwegs. Das Fahrverhalten hat nichts mit einem Einspurrad zu tun, es erinnert mehr an Quadfahren. Das heißt man muss den Kurvenradius größer bemessen und darf nicht zu zackig einlenken, dazu muss man das Körpergewicht auf die Kurveninnenseite verlagern. Nach einigen Kilometern hat man den Dreh aber raus.

    Zurück zum Preis, den man bezahlt, wenn man keinen hohen Preis bezahlt. Die wenig präzise Billigschaltung musste ich erst einmal penibel einstellen, damit die vernünftig funktioniert. Das ist jetzt OK. Die absolute Vollkatastrophe waren zu Beginn die Bremsen. Es sind vorne mechanische Scheibenbremsen von Tektro und hinten ein V-Brake von Promax verbaut, beides mit Promax-Bremshebeln kombiniert. Alles billiges Zeugs. Dazu kommt, dass das Rücklicht zwar elegant in den Akku integriert ist, aber vorne nur zwei billige Batterielampen angebracht sind. Man muss also um das Rad herumlaufen und 3 Knöpfe betätigen, um das Licht auszuschalten.

    Der vordere Bremshebel war extrem schwer zu bedienen und die Bremse bremste nicht richtig. Dazu hat der Bremshebel eine Feststellbremsfunktion, die nicht funktioniert (wurde reklamiert). Der Bremshebel links wirkt gleichzeitig auf beide Vorderräder. Die hintere war leicht zu bedienen, aber bremste auch nicht richtig, zudem berührte ein Bremsarm das Schutzblech in Bremsstellung.

    Bei beiden Bremsen hat der Hersteller einen Bremshebel für konventionelle Felgenbremsen (Cantilever, Seitenzug) kombiniert, obwohl beide einen Bremshebel für Direktzugbremsen brauchen. Letzlich habe ich aber am Markt bislang keine reinen Bremshebel für Direktzugbremsen gefunden, die eine Doppelbetätigung und Parkpremsfunktion haben.

    Zunächst ging es an die vordere Scheibenbremse. Da die innen liegen musste ich erst einmal die Kiste auf Auffahrrampen fahren, denn 55 kg hebt man nicht mal eben hoch. Erst Auffälligkeit: Die Bremszüge müssen falsch verlaufen, sägten schon die Einstellmutter ein. Hm, wozu ist denn diese lange Nase an der Bremse? Die muss ja für irgend etwas gut sein. Alles gelöst, Bremszug über die Nase geführt - das sah sinnvoll aus! Eine Bildersuche im Netz brachte Gewissheit, ich hatte die richtige Zugführung gefunden. Dann fand ich die Ursache für die schwergängige Bremse auf der linken Seite: Der Bremszug war so stark gespannt, dass der innere Belag schon an der Bremse anlag. Dazu kam eine leicht verzogene Bremsscheibe und die Tatsache, dass der einstellbare äußere Kolben viel zu weit herausgedreht war. Man hatte dadurch beim Bremsen sofort die Scheibe verbogen und der äußere Belag brauchte seine Zeit bis er anlag. Also Zug mit weniger Vorspannung verlegt und den größeren Leerweg dadurch kompensiert, dass der äußere Belag in der Grundeinstellung weiter nach innen gedreht wurde. Jetzt lief die Scheibe mittig im Sattel und der Hebel ließ sich ausreichend leicht bedienen.

    Probefahrt: Krass! So viel Biss hatte ich der Scheibe gar nicht zugetraut. Die Dosierbarkeit ist allerdings schlecht, außerdem neigt der Vorderbau zum hin- und herziehen während des Bremsvorgangs. Ich führe das Verhalten auf den ungeeigneten Bremshebel zurück. Vielleicht rüste ich hier mittelfristig auf hydraulische Scheiben um.

    Hinten habe ich gebrauchte V-Brake-Bremsarme einer Deore XT mit Parallelogramm besorgt und mit Kool Stop-Bremsbelägen bestückt. Dazu habe ich mir bei Rose einen Übersetzungsmechanismus gekauft, mit dem man das Ganze an einen konventionellen Bremshebel koppeln kann. Das wird in Kürze verbaut, ich brauche noch einen langen Bremszug und ein langes Stück Zughülle, weil ich die Zugführung ändern muss. Ich hoffe das funktioniert dann vernünftig.

    Zum Antrieb. Für ein Pedelec ist ja nur eine Dauerleistung von 250 Watt und eine Unterstützung bis 25 km/h zulässig. Die Anzeige im "Cockpit", die auch die momentane Leistungsabgabe anzeigt, hat mir mal über ca. 300 Meter Strecke knapp 500 Watt angezeigt, als ich mich in der höchsten Stufe mit 21-23 km/h eine Steigung hochdrücken ließ.

    Ansonsten klappert die klappbare Bank vorne wie Hölle, was man mit selbstklebenden Gummipuffern aber in den Griff bekommen sollte. Die Befestigung der Bank selbst ist unzureichend. Erst fiel die Sitzplatte von den simplen Winkeln, die die Bank in der Kiste halten, dann ist die Bank samt Winkeln abgefallen, wobei die Hutmuttern außen auf Nimmerwiedersehen irgendwo auf der Straße liegen. Ich einen ganzen Schwung Hutmuttern besorgt und werde die beiden an der Bank mit Gewindesicherung aufschrauben.

    Fazit nach nach den ersten 100 km: Wer ein großes Bakfiets möchte das gut funktioniert, wenig Wartung erfordert und wer kein Schrauber ist, der sollte vielleicht besser mehr Geld in die Hand nehmen und ein wertigeres Modell kaufen. Wer wie ich aber durchaus seinen Spaß am Schrauben, Optimieren und Instandhalten hat, der kann sowas kaufen. Die Dinge, die man nicht ohne Weiteres beeinflussen kann, wie den elektrischen Antrieb und das Fahrverhalten, sind OK. Ich mache mir trotzdem ein wenig Sorgen um die Langzeitqualität. Wir fahren allerdings nur Kurzstrecken mit dem Ding, für ausgedehntere Radtouren haben wir einen Kindersitz (passendes Trägerfahrzeug ist in Arbeit, da Standardbefestigung nervt…) sowie einen Wehoo iGo Two Fahrradanhänger.

    Kleines Detail am Rande was meinen auf Elektro-Umrüstungen spezialisierten Händler betrifft: Sollte der Akku mal defekt sein, dann muss ich nicht einfach einen neuen für 400 Euro kaufen, sondern er repariert ihn, d.h. er tauscht im vorhandenen Gehäuse lediglich die Zellen aus. Macht "nur" 250 Euro. Dann hat man bei Bedarf sogar die Möglichkeit, gegen Aufpreis die Kapazität erhöhen zu lassen.
     
  2. lowtech

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    Danke für Dein ausführliches Feedback!

    Einen für mechanische Scheibenbremsen geeigneten Doppelzughebel könntets Du vielleicht über Christiania als E-Teil bekommen, die nutzen ja teilweise auch mech. Scheibenbremsen.

    Frage: Hat das HR 24 oder 26 Zoll?
     
  3. Koppenen

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    Das Hinterrad ist 24 Zoll. Bei Christiania gucke ich mal.
     
  4. Koppenen

    Koppenen

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    Eine Stunde Internetrecherche bringt immer wieder zwei einigermaßen verbreitete Doppelbremshebel hervor: Einer von Saccon und den von Promax, der bei mir verbaut ist. Beide werden als "universal" verkauft, was nicht stimmen kann. Beide haben Parkbremsfunktion.

    Einen Doppelbremshebel, der definitiv für beide Zugeinholvarianten (V- bzw. mech. Scheibe und Canti/Seitenzug) geeignet ist, da man den Bremsgriff im Gehäuse an zwei verschiedenen Positionen lagern kann, hat Paul Comp im Angebot. Gedacht für Bike-Polo, kostet er satte 75 Euro. Gut, Umrüstung auf Hydraulik ist deutlich teurer. Feststellbremsfunktion hat er nicht, aber das ließe sich in die hintere Bremse einbauen
     
  5. lowtech

    lowtech

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    Hier gibt es einen Umbau, um Seilzugbremsen (eigentlich Trommel) mittels Hydrualik zu betätigen.
    http://www.jpteshop.nl/rem120-dubbele-keeper.html
    falls es von der Betätigung passt, bestimmt ein gangbarer Weg - Aber eben preislich auch schon halb auf dem Weg zur hydraulischen Bremsanlage...
     
  6. delta force

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    Ich baue mir meine hydraulischen Doppelbremsen selbst. T-Stück von Magura, Bremshebel und Bremssättel von Shimano. Selbst die billigsten Shimano-Komponenten, wenn man das möchte, taugen 20 mal mehr wie die Tektro-Sch..... Da verzichte ich gern auf den Feststellhebel der Tektro-Twin und mach einen Gummi um den Bremshebel.
     
  7. Koppenen

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    Das könnte echt eine Option sein. Zwei Sättel, ein Bremsgriff, Magura T-Stück, Leitung, etwas Werkzeug, Öl und Entlüftungskit - da ist man unter dem Strich bei unter 150 Euro. Ich habe Maguras an meinem Liegerad (HS 22) und einem Juchem Fully (Louise FR), aber bei beiden musste ich bislang nicht aktiv werden, habe also keine praktische Erfahrung beim Schrauben an hydraulischen Bremssystemen. Aber da ich schon Auto-Bremsen entlüftet habe, traue ich mir das zu.
     
  8. Beni99

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    Das kann ich so jetzt nicht ganz stehen lassen. Ich habe die Tektro-Twin im Kangaroo, das Ding bremst wie Sau, auch mit Last in der Kiste. Und dosieren lässt sie sich auch sehr gut.
    Der beschriebe Selbstbau einer Twin-Bremse ist aber auch toll (y) Tektro kann man anlasten das die Twin als Nachrüstsatz eher teuer ist. Bei unserem Lasti war sie aber schon verbaut.

    Folgendes würde ich noch berücksichtigen: Mach die Bremsleitungen nach dem T-Stück gleich lang. Beim Kangaroo ist das Original nicht so. Dies spielt bei normalen Temperaturen keine Rolle die Bremse zieht gleichmässig und der Vorderbau bleibt schön in der Spur. Wird es aber heiss, so wie letzten Sommer, sinkt die Bremsleistung auf der Seite mit der längeren Leitung. Dies führt dazu das die Lenkung schräg zieht. Offenbar dehnen sich die Leitungen bei Wärme unter Druck aus. Und bei mir sind keine 08/15 Leitungen, sondern Jagwire für höheren Druck verbaut. Als die Temperaturen im Herbst wieder gesunken sind hat sich das Verhalten wieder einigermassen normalisiert. Ich werde aber noch die Bremsleitungen ersetzen damit beide Leitungen gleich lang sind. Mit einem solchen Verhalten hätte ich nie gerechnet, wäre es nicht mir selber passiert.
     
  9. lowtech

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    Delta Force, welche schlechten Erfahrungen hast Du mit Tektro Bremsen gemacht, daß Du sie hier so zerreißt?
    Ich weiß, es gibt sicher bessere, aber mit der Tektro Auriga im Babboe und Bakfiets bin ich zufrieden für den Alltagseinsatz.
     
  10. delta force

    delta force

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    Ich hab 6 Tektro-twin verbaut, von denen keine länger wie 4 Monate zufriedenstellend gebremst hat. Sobald man die Schraube am Ölbehälter zum Entlüften einmal auf hatte, bekommt man die nie mehr dicht. Das örtliche Fahrradgeschäft weigert sich, irgendwelche Einstellarbeiten an Tektro-Bremsen vorzunehmen. Die bieten Abriss und Verbau von neuen Shimano-Bremsen an.
     


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