eBike Archäologie - das Dinghi Bike

Beiträge
3.436
Eigentlich habe ich den Stall ja bereits mehr als voll, aber wie einige Mitglieder hier bestätigen können, laufen einem die Räder manches mal halt einfach so zu.
So geschehen Ende des vergangenen Jahres. Da förderte ein Umzug in der Firma eines der ersten elektrischen Zustellfahrräder und ein wahres Urgestein der Pedelec-Welt zutage!

Ich stelle vor, das "Dinghi":
IMG_7732.JPG


Aufmerksame Leser der Werkstattabenteuer kennen es bereits aus diesem Post von Ende Dezember. Nach etwas Bedenkzeit habe ich mich dazu entschlossen dem alten Bock ein zweites Leben zu schenken und entkopple den Neuaufbau in einen neuen Thread.
 
Gibt’s irgendwo eine Geschichte des Rads? Also von dem Modell allgemein?
 
Bevor es mit dem Gebastel los geht möchte ich aber zuerst einmal meine gehobenen Erkenntnisse mit euch teilen, denn ich habe fleißig Recherche betrieben!

Bei dem ungewöhnlichen Stück handelt es sich um ein Frisbee Partner, welches ab 2007 von der Südtiroler Firma Tecnocarbur aus Bozen in Kooperation mit Poste Italiane hergestellt wurde, um deren Flotte an benzinbetriebenen Rollern zu ersetzen.

Neu sahen die Räder damals so aus:
partner1.png

Der äußerst voluminöse Akku beherbergte damals noch Blei-Batterien und die zulässige Gesamtlast beträgt 100kg.
Für ein Lastenrad klingt das nach wenig, aber wenn man sich den filigranen Rahmen anschaut und im Hinterkopf behält das der Akku allein bereits satte 14kg wog, ist das durchaus beachtlich.
Der Listenpreis für dieses Rad betrug damals 1300€, was inflationsbereinigt heute etwa 1900€ entspricht.

Zu meiner Überraschung existiert der Hersteller noch heute und bietet sogar weiterhin Support für diese Oldtimer an. So kann man z.B Batterien mit modernen Li-Zellen kaufen bzw. laut deren Facebook-Seite auch seinen alten bei ihnen neu bestücken lassen oder gar komplett überholte Exemplare kaufen. Das nenne ich nachhaltig, da könnten sich einige Branchenriesen mal was von abschauen.

Die Unternehmensgeschichte selbst ist übrigens ebenfalls ganz Interessant:
Ursprünglich haben die scheinbar Vergaser hergestellt, sind dann Ende der 90er auf die Herstellung von Pedelecs gewechselt und haben damit wohl ein recht gutes Gespür gezeigt, denn laut eigenen Angaben wurden über 50.000 Räder unter den Marken Frisbee und Dinghi produziert.
 
Genug der Theorie, jetzt geht's los! Zuerst einmal mit einer Bestandsaufnahme:

IMG_7734.JPG

Das Kettenschutzblech fehlt und die Kette ist ordentlich zugesifft, hängt aber immerhin nicht bis zum Boden durch, wie sonst oft an runter gerockten Posträdern.

IMG_7791.JPG

Aber das täuscht nicht darüber hinweg, das die Kette vollkommen durch ist und ersetzt werden muss.

IMG_7735.JPG

Am Hinterrad verbaut ist eine SRAM Dreigangnabe mit Rücktrittbremse die funktionstüchtig ist, aber etwas verzögert schaltet. Verantwortlich dafür ist vermutlich das mit altem Fett verklebte Schaltkettchen. Außerdem zu sehen ist hier, das eine Schraube für den Gepäckträger fehlt.

IMG_7737.JPG

Zusätzlich zur Rücktrittbremse gibt es auch noch eine Felgenbremse hinten. Deren Beläge haben noch Fleisch drauf, aber die Felge ist total runter gebremst und so nicht mehr sicher fahrbar.

IMG_7746.JPG

Vorne dagegen wäre noch etwas Leben im Laufrad, dafür sind dort die Beläge ziemlich runter.
Die 24" Schwalbe Marathon auf denen das Velo rollt sind teilweise rissig, haben aber noch Profil.

IMG_7745.JPG

Der verbaute Nabenmotor ist leider nicht mehr funktionstüchtig. Irgendein Spezialist hat das Anschlusskabel direkt am Gehäuse abgeknippst. Der fehlenden Schraube im Gehäuse nach zu urteilen, wurde er außerdem wohl schon einmal geöffnet.
Zum Hersteller finden sich keine Hinweise, da die eingrvierte Nummer mit BF beginnt, würde ich einfach mal spontan auf Bafang tippen.

IMG_7742.JPG

Gemäß Typenschild ist, bzw. war es ein reguläres 250W Pedelec.

IMG_7741.JPG

Der seitlich aufgebrachte Sticker warnt davor, eigenmächtige Modifikationen am Antrieb durchzuführen und droht mit Garantieverlust. Darum muss ich mich ja zum Glück nicht mehr sorgen. :cool:

IMG_7747.JPG

Der Rahmen wurde im Bereich um das Tretlager herum deutlich verstärkt um die zusätzliche Belastung im Zustellbetrieb zu schultern. Ein schönes Detail ist die Kabeldurchführung am Hinterrad.

IMG_7744.JPG

Die Aufnahme für den vorderen Gepäckträger ist recht rustikal angebrutzelt worden. Möglicherweise wurde hier aber auch schon einmal ausgebessert. Mangels eines Vergleichsfahrzeugs lässt sich das nicht sicher sagen.
 
IMG_7740.JPG

Das Highlight ist sicherlich der stabile Gepäckträger, sowie der massive extra breite Hinterbauständer - Hier fällt garantiert nichts um!
Das am Gepäckträger nach hinten versetzte Rücklicht ist wieder eines dieser kleinen klugen Details an denen man merkt, das sich jemand Gedanken gemacht hat.

IMG_7743.JPG

Die Bremsgriffe haben Abschaltkontakte, aber auch hier wurden die Kabel wieder abgeschnitten. Ansonsten fehlt rechts am Lenker etwas. Da nur ein kurzes Griffstück verbaut ist, befand sich dort wahrscheinlich mal ein Drehgriff für die Anfahrhilfe.

Sonst noch erwähnenswert, aber ohne extra Foto:
  • Die Schutzbleche scheinen aus Edelstahl gefertigt zu sein. Sie sind schön breit und machen einen stabilen Eindruck.
  • Die mittels Seitenläufer-Dynamo betriebene Beleuchtung funktioniert noch, aber viel Licht kommt aus dem altmodischen Glühobst nicht heraus.
  • Die Gabel hat ziemliche Überbreite und ist zu groß für normale 100mm Naben.
 
Anhang anzeigen 72167
Das Highlight ist sicherlich der stabile Gepäckträger, sowie der massive extra breite Hinterbauständer - Hier fällt garantiert nichts um!
Das am Gepäckträger nach hinten versetzte Rücklicht ist wieder eines dieser kleinen klugen Details an denen man merkt, das sich jemand Gedanken gemacht hat.

Anhang anzeigen 72168
Die Bremsgriffe haben Abschaltkontakte, aber auch hier wurden die Kabel wieder abgeschnitten. Ansonsten fehlt rechts am Lenker etwas. Da nur ein kurzes Griffstück verbaut ist, befand sich dort wahrscheinlich mal ein Drehgriff für die Anfahrhilfe.

Sonst noch erwähnenswert, aber ohne extra Foto:
  • Die Schutzbleche scheinen aus Edelstahl gefertigt zu sein. Sie sind schön breit und machen einen stabilen Eindruck.
  • Die mittels Seitenläufer-Dynamo betriebene Beleuchtung funktioniert noch, aber viel Licht kommt aus dem altmodischen Glühobst nicht heraus.
  • Die Gabel hat ziemliche Überbreite und ist zu groß für normale 100mm Naben.
Wie funktioniert der Hinterbaumständer? Wohin klappt der, dass er nicht mit dem Hinterrad selbst kollidiert?

t.
 
Bewundere die Hingabe einen solchen Streuner wieder auf Vordermann zu bringen.
Ich denke da wohl zu pragmatisch für und würde erstmal drüber nachdenken was
wird es am Ende und was mache ich dann damit?
Meist ist es dann so das ich zum Schluss komme "besser lassen".
Noch ein Bike mehr im Schuppen das dann nur rumsteht und wirtschaftlich unverkäuflich ist brauche ich halt nicht.
 
Meist ist es dann so das ich zum Schluss komme "besser lassen".
Noch ein Bike mehr im Schuppen das dann nur rumsteht und wirtschaftlich unverkäuflich ist brauche ich halt nicht.
Es ist ein Hobby für mich, das soll nicht wirtschaftlich sein, sondern Spaß machen. :)

An ökonomische Sachzwänge bin ich bereits beruflich gebunden, privat will ich davon nichts wissen sonst kann ich es auch einfach gleich lassen.
 
Vor dem kompletten zerlegen stand erst einmal Brainstorming an, denn ich....
[...würde erstmal drüber nachdenken was wird es am Ende und was mache ich dann damit?

Fest stand das es ein "mal eben zu X" Rad für kurze Strecken bis maximal 10 km wird. Daraus ergibt sich für mich die Anforderung nach einfacher und robuster Technik, denn es gibt nichts ärgerlicheres als mal schnell irgendwo hin zu wollen und ausgebremst zu werden weil irgendwas nicht funktioniert.
Auch ein Elektroantrieb soll wieder rein, das ist bei der örtlichen Topographie unabdingbar da ich ein fauler Mensch bin und meine Fahrräder nicht als Sportgerät verstehe, sondern als Verkehrsmittel die mich Schweiß- und Stressfrei von einem Punkt zum anderen bringen sollen.

IMG_7546.JPG

Mein erster spontaner Gedanke sah einen Mittelmotor vor, da dann die Naben frei blieben um Trommelbremsen an beiden Laufrädern zu installieren. Diese Idee hat sich aufgrund des verstärkten Tretlagerbereichs schnell zerschlagen.
Um einen Motor dort unter zu bekommen müsste ich einen Teil der Bleche ausschneiden und damit den Rahmen schwächen.

Ein Hinterradmotor kommt nicht in Frage, der Rahmen ist für eine Kettenschaltung nicht ausgelegt und ein Umwerfer würde sich auch mit dem Hinterbauständer beißen und der bleibt definitiv dran.

IMG_7730.JPG

Also wie ursprünglich ein Frontantrieb rein. Eigentlich kein schlechter Gedanke, ich habe schließlich zahlreiche Heinzmann-Motoren und passende Elektronik von meinen alten Posträdern auf Halde liegen.
Und tatsächlich passt der überbreite Motor mit seinen 130mm ohne Probleme. Die ausfallenden der Gabel sind zwar auf die 12mm Achsen der üblichen China-Antriebe ausgelegt statt der 10mm des Heinzmann, aber da letzterer über eine integrierte Drehmomentstütze verfügt um seine stattlichen 60 Nm auf die Straße zu bringen, sehe ich da keine Probleme.

Nachteiliger ist dafür das gewaltige Gewicht von knapp 4kg, das der dicke Klopps auf die Waage bringt. Zudem ist aufgrund der auf hohes Drehmoment ausgelegten Übersetzung bereits bei 20 km/h schluss mit der Unterstützung und das Stahlgetriebe macht gewaltig Krach.
Bei meinem beruflich genutzten Postrad ist das akzeptabel, aber will ich ein privates Rad für schnelle Besorgungen mit so etwas fahren? Wenn ich ehrlich bin eher nicht so.

IMG_7729.JPG

Und so trudelte als Ergebnis einer längeren Internet-Recherche vergangene Woche ein großes Paket in der Werkstatt ein.

IMG_7748.JPG

Darin verbarg sich ein kompletter Nachrüstsatz von Yose Power.
Ursprünglich liebäugelte ich erst mit einem Set von EBike-Solutions da deren Controller sehr feinfühlig programmiert sein soll. Aber bei Preisen ab 500 Euro aufwärts für einen Umbausatz bin ich raus.
Das hier wird zwar kein Low-Budget Projekt, aber ich will am Ende auch keine vierstellige Summe in den alten Bock stecken.
 
Schönes Projekt!
Von den Yose Power habe ich schon mehrere verbaut (allerdings als Heckmotor) und bin bisher zufrieden. Die haben bei kleinanzeigen gelegentlich Retouren für sehr kleines Geld.
 
Von den Yose Power habe ich schon mehrere verbaut (allerdings als Heckmotor) und bin bisher zufrieden.
Der erste Eindruck ist jedenfalls nicht schlecht. Ich werde dazu auch noch ein paar Worte schreiben sobald das Projekt weiter vorwärts geht.

Vermutlich war Orginal ein Sanyo Dynamotor verbaut, der hatte keinen Freilauf und lies Reku zu allerdings mit 135mm
Einbaubreite.
Interessante These, wie kommst du zu dem Schluss? Ich war bis jetzt davon ausgegangen das der Motor unbekannten Namens mit dem abgeschnittenen Kabel original ist.
 
Zurück
Oben Unten